Der Bozner Turnverein und seine Erben

Bereits im Jahr 1811 hatte der deutsche Turnpädagoge und Politiker Ludwig Friedrich Jahn in Berlin auf der Hasenheide den ersten Turnplatz eingerichtet.

1849 entstand in Innsbruck nach dem Vorbild von „Turnvater Jahn“ die erste Turnstätte Österreichs.

Der Innsbrucker Anton Schiestl war es, der 1860 in Bozen die erste Turnschule errichtete. Schiestl kam 1859 als Soldat nach Bozen. In der „Festgabe des Turnvereins Bozen zum 50. Gründungsfeste“ sind nachstehende poetischen Worte zu lesen „…und da mag ihm wohl geschehen sein, was schon so vielen geschah, die durch die engen Gassen unserer Stadt wandelten, die vom Virgl herab auf das schmucke Bozen schauten, die Eisack und Talfer rauschen hörten und den Rosengarten glühen sahen im Widerschein der sinkenden Sonne – er war vom Zauber Bozens gebannt, sein Denken und Trachten war dieser Stadt verfallen, sein Herz gehörte ihr bis zu seinem letzten Schlag.“

In der wechselvollen Geschichte des Bozner Turnvereins, die dem Motto der Jahnschen Turnbewegung getreu „frisch, fromm, froh, frei“ auf seine Fahne schrieb, wurde der Wunsch nach einer eigenen Turnhalle laut.

„Mit dem Turnlehrer Anton Schiestl wurde ein Vertrag abgeschlossen, welcher am 11. April 1862 politisch genehmigt wurde und so konstituierte sich am 24. April 1862 der Turnverein Bozen mit 69 Mitgliedern, welche die Schuldenlast der Adaptierungskosten der Turnhalle übernahmen.“ Als erster Vorstand leitete Hugo Ritter von Goldegg den jungen Verein

Auf diese Art gelang es, aus Privatmitteln eine Turnstätte für die Jugendund die Vereinsturner Bozens dauerhaft zu begründen. Die Mitgliederzahl wuchs an. Das starke Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Turnbewegung wird schon 1863 auf dem 3. Deutschen Turnfest in Leipzig sichtbar, wo sich der Turnverein Bozen mit dem Schleswig-Holsteiner Turnverein Wannsbeck verbrüderte und so eine Verbindung zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten deutschen Turnverein herstellte.

Innerhalb des ersten Vereinsjahres hatte der Turnverein sein Betätigungsfeld bereits um Bereiche erweitert, die für die weitere Entwicklung der Stadt von einiger Bedeutung sein sollten. Über den nationalen Gedanken und die Stärkung eines Gemeinschaftsgefühles hinaus wandten sich die Zielsetzungen gemeinnützigen Zwecken zu.

Soweit die Anfänge des rührigen Bozner Turnvereins, der die Talferstadt über Jahrzehnte hinweg sowohl in sportlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht prägte.

Die politische Situation in Italien und somit auch in Südtirol in den 1920er Jahren ist hinreichend bekannt.

Am 18. November 1926 umstellte eine bewaffnete Miliz den Vereinssitz und verwehrte jeden Zutritt. Nicht einmal den Turnern, die ihre Straßenkleidung aus den Umkleideräumen holen wollten, wurde der Eintritt gestattet. Jede weitere Aktivität des Vereins wurde so unterbunden und das Vereinsheim nach und nach geplündert.

Georg von Tschurtschenthaler, der letzte Vorstand des Turnvereins Bozen teilte den Vereinsmitgliedern am 17. November 1926 mit „ dass mit Entscheidung der kgl. Präfektur Trento vom 9. November ds. J. der Turnverein Bozen 1862 aufgelöst wurde. Ein besonderer Grund wurde nicht angegeben.“

Der Vorstand ließ Flugzettel mit Trauerrand drucken und die Jungturner verteilten diese noch in der Nacht. So hörte der Verein wenige Wochen nach seinem 65. Jubiläum zu bestehen auf. 

In kleinen Gruppen wurde unter der Leitung von Toni Ruedl auf Wiesen, Straßen und Höfen weiter geturnt, Ferdl Lauggas unterstützte ihn maßgeblich in seinen Bemühungen. Übungen und Spiele erhielten den Charakter eines familiären Zusammenseins.

1927 fiel das Eigentumsrecht an der Liegenschaft, wie es 1892 grundbücherlich festgelegt worden war, an die Stadtgemeinde zurück, weil kein Turnbetrieb mehr stattfand.

Mit Kaufvertrag vom 2.12.1931 gingen Grundstück und Gebäude auf die „Opera Nazionale Balilla“ über.

Seitdem bemüht sich der SSV Bozen, als Nachfolgeverein des legendären Bozner Turnvereins, mit großem Einsatz aber letztendlich erfolglos um eine Rückgewinnung der vereinseigenen Anlage.

Erst nach 1943 wurde eine offenen sportliche Betätigung wieder möglich, doch der Krieg setzte allem ein Ende. In der Nachkriegszeit war es dann vor allem Ernst Ebner, der den Grundstein für die Gründung des SSV Bozen legte.

Der Südtiroler Sportverein Bozen wurde am 17. November 1945 gegründet. Als Ziel stand die Wiederaufnahme einer geregelten und vor allem öffentlichen sportlichen Tätigkeit. Mit sieben Sektionen, Fußball, Leichtathletik, Wassersport, Bergsport, Wintersport, Turnen und Tennis/Tischtennis wurde gestartet.

Im Jänner 1946 wurde der Turnbetrieb in der Turnhalle des ehemaligen Realgymnasiums in der Defregger Straße aufgenommen. Der SSV Bozen konzentrierte sich zunächst auf den Jugend- und Leistungssport. Später wurde die Tätigkeit auf den Freizeit-, Erwachsenen- und verstärkt auf den Wettkampfsport ausgedehnt.

Hauptaugenmerk unserer Vereinsarbeit ist die Fortsetzung der bisherigen Tätigkeiten sowie ein weiterer Ausbau der Kursangebote. Allen Mitgliedern soll die Möglichkeit gegeben werden, auf sinnvolle und gesunde Weise ihre Freizeit zu verbringen, sich in netter Gesellschaft körperlich zu engagieren und so neben dem Erhalt ihrer eigenen physischen Leistungen den Gemeinschaftssinn zu stärken.

Die Anforderungen werden auch im Sport immer größer, ohne die vielen freiwilligen Betreuer und Mitarbeiter wäre unsere Vereinsarbeit nicht möglich. Besonders der Freizeitsport tritt hier immer mehr in der Vordergrund. Diesem Aspekt tragen wir Rechnung und haben in den vergangenen Jahren unser Angebot ständig erweitert.

Der Grundsatz der Gründerväter von 1945 ist aktueller denn je: Freizeitsport, durchzogen auch mit Leistung, soll allen Altersgruppen und für alle Mitglieder unserer Gesellschaft offen stehen.

Sponsoren
Südtiroler SporthilfeITASAlperia